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B O G O T
A

Gesichter
einer Metropole
Editorial ila
297 Juli/August 2006
Bogotá ist die Hauptstadt eines Landes, das eine wichtige Rolle auf der politischen, ökonomischen,
kulturellen und militärischen Landkarte des Kontinents einnimmt, aber wie über Kolumbien gibt es auch über Bogotá bei uns nicht viel Information. Verhältnismäßig wenige Deutsche oder sonstige EuropäerInnen reisen dorthin, viele machen sogar einen Umweg, um nicht in Bogotá landen zu müssen. Sie haben Angst. Die Informationen über Gewalt, Krieg, Überfälle, Entführungen bremsen. Manchmal gilt Kolumbien – inklusive Bogotá – als Ziel für Todesmutige. Nee, lieber nicht. Auch das Auswärtige Amt warnt ja regelmäßig vor Kolumbien-Reisen.
Ende Mai hat ausgerechnet die FAZ Entwarnung gegeben. Lateinamerika-Journalist Daniel Deckers war vor Ort und hat sich nach zwanzig Jahren Bogotá erneut angesehen. Und kommt zu dem Schluss, dass die kolumbianische Hauptstadt nicht nur zu den sichersten Hauptstädten Lateinamerikas gehört, sondern auch eines der wichtigsten Kulturzentren der Region und überhaupt ein angenehmer Wohnort ist. Die Bogotá-Reportage der FAZ wurde von der Zeitung El Tiempo – Redaktionssitz Bogotá – lobend wahrgenommen, der Beitrag ihrer Deutschland-Korrespondentin findet sich auf Homepages der Stadt und der Tourismusbranche. Botschaft: Endlich haben sie es in Deutschland verstanden, Bogotá ist eine Reise wert!
Keine Bange, wir sind nicht erst im Mai durch die FAZ auf Bogotá aufmerksam geworden, um den ila-Schwerpunkt ausgerechnet dieser lateinamerikanischen Metropole zu widmen. Wir haben schon vorher die Fühler ausgestreckt, mit unseren FreundInnen und Bekannten in Bogotá, Deutschland, der Schweiz und sonst wo kommuniziert und Rücksprache gehalten. Was jetzt über Bogotá im Heft steht, ist eine gemeinsame Kreation. In gewisser Weise ist es auch ein gemeinsamer Blick, aber dieser Blick wird auf viele unterschiedliche Aspekte oder Problemfelder in Bogotá gerichtet. Bogotá ist eine Stadt der Kontraste: Was heißt das wirklich? Wie wird es wahrgenommen? Bogotá hat seit 2004 einen linken Bürgermeister: Gibt es eine Bilanz, ob sich mit ihm etwas ändert oder schon geändert hat? Und wie sieht es dort aus, wo sich die Arm-Reich-Schere besonders bemerkbar macht, in den Randbezirken, wo MigrantInnen und Binnenflüchtlinge leben und die Armut hoffnungslos stimmt und Gewalt reproduziert? Dort kann – abseits vom Zentrum und vom reichen Norden der Stadt – der Krieg nicht einfach weggeschoben und aus dem Bewusstsein gestrichen werden. Er ist präsent, auch wenn Präsident Uribe vertritt, dass es in Kolumbien keinen Krieg, sondern nur Terroristen gibt.
Nicht zu vergessen, dass Bogotá in kultureller Sicht wirklich sehr viel anzubieten hat. Damit könnte man ein ganzes ila-Heft füllen. Wir haben davon einige Spots ausgewählt, inklusive Kochrezepte. Außerdem gibt es eine Liste von Kulturevents für die ila-LeserInnen, die sich mutig genug für eine Bogotá-Reise fühlen...
Was wir mit dieser Bogotá-ila wollen? Neugierig machen! Neugierig machen auf eine Stadt, die auch innerhalb der Lateinamerika-Szene recht unbekannt ist. Einen kritischen Blick auf Bogotá werfen, der zeigt, dass es enorme soziale Probleme gibt, an deren Bewältigung gewaltig gearbeitet wird. Einen „anderen“ Blick vermitteln, aufzeigen, dass es viele Menschen und Initiativen gibt, die Reflexionen anstellen, anpacken, Probleme lösen helfen.
Allen, die an dieser Nummer mitgestrickt haben, sei herzlich gedankt. Ganz besonders danken wir Alberto Jerez, gebürtiger Bogotaner und in Neckarsulm lebender Künstler, für sein Engagement bei diesem Heft.
P.S. Wie üblich gehen wir nach dem Städteheft in die wohlverdiente Sommerpause. Im August erscheint keine ila, wir melden uns Mitte September zurück, dann mit einem Schwerpunkt zu „China und Lateinamerika.“
Inhalt
Bogotá -
Gesichter einer Metropole
4 Kontrastreiche Eindrücke
Ein Streifzug durch Bogotá/ von Bea Busley
7 Ungleiches Bogotá
Die Schere von Arm und Reich/ von Victor Manuel Vargas
8 Das Recht auf öffentliche Erinnerung
Vier Beispiele würdiger Erinnerungsorte
10 Notruf aus dem Krankenhaus
In Bogotá bleiben die Armen ohne Kliniken/ von Bettina Reis
11 Es liegt ein Grauschleier über der Stadt
Die soziale Lage vieler Kinder ist dramatisch/ von Reinel García Martínez
12 Begeisterung für die Schule
Positive Bilanz für die Bildungspolitik des Rathauses/ von Carmenza Vargas
14 Unter der Lupe
Der Gleichstellungsplan von Bogotá/ von Laura Rangel Fonseca
16 Busse streiken gegen Busse
Einiges über das Verkehrswesen in Bogotá/ von Bettina Reis
18 Ruß, Gestank und Mücken
Bergbau- und Umweltprobleme im Tunjuelo-Tal/ von Stephan Suhner
20 Tomaten und Quinua auf dem Vordach
Landwirtschaft in der Stadt ist mehr als der Anbau von Nahrungsmitteln/ vom
Kollektiv „Ciudad Autogestionaria“
22 War mein ermordeter Sohn ein schlechter Mensch?
Psychosoziale Situation in den Armensiedlungen von Altos de Cazucá/ von Hugo Gómez und Hilda Molano
25 Wem gehören die Berge?
In Usaquén gelten Umweltauflagen nur für die Armen/ von SEDEN
26 Wie in den Erzählungen von Kafka
Die Lehrerin María Luisa Niño wird verhaftet, ohne zu wissen warum
29 Theater für die Straße und die Leute
Das Experimentelle Theater von Fontibón/ von Emilio Ramírez Arias
30 Stadt der kleinen und großen Kulturevents
31 Theater, das die Gemeinden im Blick hat/ von Alberto Jerez
32 Sarkastisch, ironisch, künstlerisch
Graffiti in Bogotá/ von Germán Linares
34 Ungebrochen eurozentristisch
Deutsch-bogotanische Kulturbeziehungen/ von Bettina Reis
35 Der Säbel von Simón Bolívar
Was BesucherInnen in Bogotá vergeblich suchen/ von Ronald Köpke
36 Changua,
Canelazo, Ajiaco
Kochrezepte aus Bogotá/ von Diana Castillo und Bettina Reis
Berichte & Hintergründe
38 Einheit in der Vielfalt
Interview mit Gloria Cuartas vom kolumbianischen Linksbündnis PDA/ von Bettina Reis
41 Es weht ein neuer Wind in den Anden
Interview mit Humberto Cholango/ von Eduardo Tamayo G.
43 Gouverneur mächtig unter Druck
Auch ein gewaltsamer Polizeieinsatz kann die Oppositionsbewegung in Oaxaca nicht stoppen
/ von Eberhard Raithelhuber
45 Besser kein Gesetz als dieses
Streit um Einwanderungsreform in den USA geht weiter/ von David Bacon
46 Fischer ohne Fang
Garnelenzucht ruiniert tropische Küsten Zentralamerikas/ von Andreas Boueke
48 Integration als Lebenswerk
Vor 180 Jahren tagte der Kongress von Panama/ von Günter Pohl
51 Nestlé, Lidl & Co. und der faire Handel
Wie Konzerne Imagepflege betreiben und damit noch verdienen/ von Ulf Baumgärtner
54 Wenn Aldi nicht wäre …
Attac, Banafair und der ABL trafen den Lidl-Chef/ von Werner Rätz
Kulturszene
55 Eine Fiktion ohne Grenzen
Die „neue“ hispanoamerikanische Erzählkunst Teil II: Edmundo Paz Soldán/ von
Ute Evers
57 Szenen einer kollektiven Hetzjagd
Buchbesprechung/ von Klaus Jetz
58 Es wurde auch Zeit!
Endlich betreut ein deutscher Verlag die Publikation der Romane von Daniel Chavarría/ von
Gert Eisenbürger
60 Gegen die Wand
Von Moralisten und Muralisten in Mexiko/ von Elke Schellenbach
Ländernachrichten/Poonal
62 Belize, Guyana, Brasilien, Nicaragua, Venezuela, Paraguay, Uruguay, Argentinien, Chile
Solidaritätsbewegung
66 Die zwei Zeiten der Revolution
John Holloways Texte über die Zapatistas/ von Gerald Raunig
Diese Ausgabe wurde ebenso wie die ila 294 und die ila 295 vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert.
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