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C  H  I  N A  Chinesisches Viertel, Havanna                            
und Lateinamerika                 


Editorial
  ila 298 September 2006

China gilt als die künftige Wirtschaftsweltmacht. Seine Ökonomie wächst um rund zehn Prozent
jährlich, seine Industrie wird immer leistungsfähiger. Wobei das Wörtchen „seine“ relativ zu verstehen ist, denn längst lassen multinationale Konzerne aus Europa, den USA und Japan in China produzieren. Trotzdem werden gegen China alte Feindbilder mobilisiert. Bestand früher die vor allem von konservativen Politikern beschworene „gelbe Gefahr“ im kommunistischen Gesellschaftssystem, so ist es heute Chinas Kapitalismus, der die Weltherrschaft anstrebe.

Die Folgen der stürmischen wirtschaftlichen Entwicklung Chinas werden nicht nur in Europa heftig
diskutiert. In Lateinamerika sind sie genauso ein Thema. Stärker als bei uns wird die Wirtschaftsmacht des Reichs der Mitte allerdings als Chance gesehen, sich teilweise aus der Abhängigkeit von Europa und den USA zu lösen. Die aufgrund der wachsenden Nachfrage Chinas steigenden Preise für zahlreiche Rohstoffe und Agrarprodukte scheinen derartige Erwartungen zu bestätigen. Auch wächst der Handelsaustausch zwischen den Staaten Südamerikas und China rasant und alle Akteure gehen derzeit von einem langfristigen weiteren Wachstum aus. Viele lateinamerikanische Intellektuelle sehen zudem im Erstarken eines wirtschaftlichen und politischen Akteurs aus dem Süden eine Entwicklung zu einer multipolaren Welt, die Räume für neue politische und wirtschaftliche Allianzen eröffnen kann.

Allerdings gibt es auch in Lateinamerika besorgte Stimmen. Zum einen wird darauf hingewiesen, dass China die lateinamerikanischen Länder vor allem als Rohstofflieferanten und Märkte sehe, also eine Handelsstruktur schafft, die im Grunde genommen die alten kolonialen Muster fortsetzt. Zudem gerät die lateinamerikanische Industrie auf den Binnenmärkten wie international zunehmend unter den Druck der chinesischen Konkurrenz, die die entsprechenden Güter erheblich günstiger anbietet. Das gilt insbesondere für die auf den US-Markt ausgerichtete Lohnveredelungsindustrie (Maquilas). Dieser Wirtschaftssektor, der in Mexiko und den meisten mittelamerikanischen Staaten das Rückgrat des gegenwärtigen Entwicklungsmodells bildet, steht mittelfristig aufgrund der wesentlich günstigeren asiatischen – nicht nur chinesischen – Anbieter vor erheblichen Problemen, möglicherweise sogar vor dem Aus.

Die Beziehungen zwischen China und Lateinamerika sind dabei, den Subkontinent nachhaltig zu verändern. Grund genug für uns, ihnen einen Schwerpunkt zu widmen. Dabei beschränken wir uns aber nicht auf den aktuellen Wirtschafts- und Handelsaustausch. Die Beziehungen zwischen beiden Regionen begannen nämlich nicht erst in jüngster Zeit. Schon Ende des 19. Jahrhunderts kamen ChinesInnen in großer Zahl nach Lateinamerika, etwa um nach der Aufhebung der Sklaverei auf den cubanischen Zuckerrohrplantagen oder beim Bau des Panamakanals zu schuften. Das kommt in diesem Heft ebenso zur Sprache wie der kulturelle Austausch. 

Viele lateinamerikanische AutorInnen werden auch in China gelesen, nicht nur von einem lesehungrigen Publikum, sondern auch von wichtigen SchriftstellerInnen, die sich wie z.B. der auch in Europa bekannte Mo Yan ausdrücklich auf das Schreiben ihrer lateinamerikanischen KollegInnen beziehen. Und wer hätte gedacht, dass nicht nur Romanciers übersetzt werden, sondern dass auch die wichtigsten Texte des Subcomandante Marcos in China erschienen sind. Und wer die aufmerksam liest– meint seine chinesische Übersetzerin und Herausgeberin in dieser ila – könne nicht nur die Perspektive der Indígenas in Chiapas besser verstehen, sondern auch vieles von der Realität Chinas begreifen. 
Na dann, viel Spaß beim Lesen!


Inhalt

China und Lateinamerika


4 Dynamisches Wachstum
Die Wirtschaftsbeziehungen Chinas zu Brasilien, Argentinien und Chile / von Vera Lehmann

7 Öl in Flaschen statt Sojabohnen 
China, WTO & Marktwirtschaft

8 „Hinfahren und Rohstoffe aufkaufen?“
Interview mit José Augusto Padua über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Lateinamerika
/ von Gert Eisenbürger

11 Das Lohnniveau ist in Asien erheblich niedriger
Interview mit dem mexikanischen Wirtschaftswissenschaftler Enrique Dussel Peters über Chinas Wirtschaftsbeziehungen zu seinem Heimatland / von Gert Eisenbürger

14 Nicht mehr nur Zukunftsmusik 
US-chinesischer Wettbewerb um die Energieressourcen in Lateinamerika / von Bettina Reis

16 Rosen und Erdöl für Peking
Widersprüchliche Beziehungen zwischen Kolumbien und China / von Bettina Reis

18 Wie die Chinesen nach Panama kamen / von Eduard Fritsch

18 Platz für die ganz großen Schiffe
Die Chinesen, China und der Panama-Kanal / von Fernando Gualdoni

19 Kulis in der grünen Hölle
Chinesen in der cubanischen Zuckerrohrplantagenwirtschaft / von Jorge Alberto Amaya

21 Kleingewerbe, Handel und Restaurants
ChinesInnen in Honduras / von Jorge Alberto Amaya

23 Moderne Kulis in Guanajuato
Chinesische MaquilaarbeiterInnen in Mexiko / von Carolina Gómez Mena

24 Wie García Márquez nach China kam
Lateinamerikanische Literatur auf dem chinesischen Buchmarkt

26 Marcos lesen – China verstehen
Interview mit der chinesischen Kulturwissenschaftlerin Lau Kin Chi / von Gaby Küppers

27 Sichtbar sein
Aug' in Aug' mit den Zapatistas / von Lau Kin Chi


Berichte & Hintergründe

29 Endlose Präsidentschaftswahlen mit Rätselraten
In Mexiko waren die Wahlen wieder einmal nicht sauber / von Gerold Schmidt

31 Tauziehen um Sitz im UN-Sicherheitsrat
Internationale Unterstützung für Venezuelas Kandidatur / von Oliver Matz

32 Für die erwartete Niederlage vorbauen
Venezuelas Opposition versucht Wahlen im Vorfeld zu delegitimieren / von Anna Krämer

34 „Das kolonisierte Ding wird Mensch“
Interview mit dem Politikwissenschaftler und Journalisten Simón Ramírez Voltaire zur Situation in Bolivien
/ von Andreas Hetzer

36 Babys als Versuchskaninchen
US-Pharmakonzern testet durch transgenen Reis produzierte menschliche Eiweiße in Peru
/ von Silvia Ribeiro

38 Demokratie niedriger Intensität
Argentinien im dritten Jahr der Amtszeit Kirchner / von Roberto Frankenthal

41 Argentinien und die „Unerwünschten“
Nach 1938 konnten jüdische Flüchtlinge oft nur heimlich oder mit gefälschten Papieren einreisen
/ von Theo Bruns

44 Obstklau auf kolumbianisch 
Polizei bedrängt StraßenhändlerInnen in Popayán / von Gudrun Kern

45 Langer Atem gegen das Verschwindenlassen
25 Jahre FEDEFAM / von Annette Fingscheidt


Kulturszene

47 Niemand möchte dazu verurteilt sein, arm zu bleiben
Interview mit dem brasilianischen Autor Fernando Molica / von Michael Kegler

49 Parallelwelten
Fernando Molicas Kriminalroman „Krieg in Mirandão“ / von Gert Eisenbürger

50 Hat er oder hat er nicht?
„Liberaturpreis“ für die Uruguayerin Andrea Blanqué / von Gaby Küppers


Ländernachrichten/Poonal

51 Nicaragua, Mexiko, Ecuador, Haiti, Guatemala 


Solidaritätsbewegung

54 Anwalt für die Menschenrechte
Abschied von Konstantin Thun von Wolfgang Kaleck

55 Er war mit Leidenschaft bei der Sache
Abschied von Henry Mathews / von Gaby Weber

56 Rezension „Biopiraterie und indigener Widerstand“ / von Gregor Kaiser

57 Rezension „Venezuela Bolivariana“ / von Günter Pohl

58 Wieder zwei weniger
Solidaridad und Argentinien-Nachrichten eingestellt / von Gert Eisenbürger

59 Leserbrief, Impressum

Diese Ausgabe wurde vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert.


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