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in Lateinamerika
LGBT
Editorial
ila
305 Mai 2007
Eine Bekannte nahm früher gerne am Christopher Street Day in Köln teil. Besonders der Wagen der
autonomen Schwulen und Lesben hatte es ihr angetan. Zu Drum 'n Bass Klängen tanzte sie auf dem Wagen, trank Sekt und fand alles wunderbar bunt und cool. Doch eine Woche später bekam sie am WG-Tisch eine indirekte Rüge: Die Freundin einer Mitbewohnerin hatte sich darüber beschwert, dass „ausgerechnet die Vollblut-Hete aus der WG auf unserem Wagen getanzt hat.“ Hete steht für Heterosexuelle/r. Und heterosexuell war sie durchaus, die Sympathisantin der autonomen Schwulenlesbenszene. Das war ihr letzter CSD, hoch auf dem Wagen. Sie akzeptierte, dass erkämpfte Freiräume manchmal einen exklusiveren Charakter haben und dass sie als privilegierte Mehrheitsgesellschaftvertreterin sich zurückzuhalten habe.
Ein Jahr später war sie in einer lateinamerikanischen Hauptstadt und wollte eine Lesbenkneipe, genauer gesagt die einzige landesweit, kennen lernen. Die Überraschung war groß: Bei gedämpften Licht saßen überwiegend heterosexuelle und schwule und nur einige wenige lesbische Pärchen an ihren Tischen. Sie war etwas enttäuscht und dachte sich, dass die queere community in Lateinamerika schwerer bzw. anders zu (be)greifen war. Vor allem die lesbische Bewegung war viel weniger sichtbar: Die Lesben des Landes trugen auf Demonstrationen zum Internationalen Frauentag Ganzkörperschleier wie afghanische Frauen, um so auf ihre Unsichtbarkeit und ihre Gefährdung hinzuweisen.
Zurück in Deutschland bekam sie Besuch von einem Freund aus demselben lateinamerikanischen Land, der ein paar Monate in ihrer WG lebte. Er war Student und Anhänger von dekonstruktivistischen Theorien. Er bezeichnete sich selbst als bisexuell. Trotz seiner theoretischen Tendenz, Geschlechterrollen in Frage zu stellen, war ihm eine Freundin des Hauses doch etwas suspekt: zu cool, zu mackrig, zu männlich. Eine burschikose Lesbe, die alle Kriterien der Kategorie butch erfüllte. Irgendwie war die „maskuline Frau“ unbequem. Latino-Männer sind doch im Grunde alles Machos, dachte sich unsere Bekannte. Doch gegen Ende seines Aufenthaltes hatten die beiden sich ziemlich angefreundet, die Mackerfrau und der zart besaitete Dekonstruktivist. An seinem Abschiedsabend wurde er gefragt, was ihm am meisten in Deutschland gefallen hätte. Die Vielfalt und die Verwirrung der Geschlechter, die er in Berlin hatte erschnuppern können, lautete seine Antwort.
Verwirrung – die kam auch in den letzten Layout-Tagen auf, als Redaktionsmitglieder, die noch wenig von vorliegender Ausgabe mitbekommen hatten, die muxe'-Fotos sahen: „Da weiß man wirklich nicht, ob das nun Mann oder Frau ist!“ – „Weder noch, das ist ein(e) muxe', hast du denn nicht den Artikel gelesen?“
Vielfalt – auf die sind wir ebenso gestoßen. Sie fängt bei Begrifflichkeiten und Diskursen an – LGBT (Lesbianas, Gays, Bisexuales, Transgéneros) bzw. das internationale queer sind weithin gebräuchlich – und äußert sich in verstärkter Sichtbarkeit und größerem Selbstbewusstsein sowie in gesetzlichen Errungenschaften. Seit dem schwullesbischen und feministischen Aufbruch der 70er Jahre hat sich in Lateinamerika einiges getan. Dennoch sind Homophobie und Diskriminierungen leider noch nicht überwunden. Fast täglich ist im Internet von gewalttätigen Übergriffen gegen LGBT in Lateinamerika zu lesen.
Trotz aller Vielfalt konnten wir jedoch eines nicht finden: Wir hätten gerne einen lateinamerikanischen Drag King porträtiert. Den gibt es bestimmt irgendwo auf dem Kontinent – vielleicht unter einer anderen Bezeichnung oder nicht so sichtbar wie anderswo.
In unserer schwullesbischen Metropole Köln hingegen haben Drag Kings mittlerweile einen sichtbaren Platz im Nachtleben: Das Kingdom of Cologne & Friends organisiert seine „Ausnahmepartys“ mit viel Erfolg. Die Queer Partys für Drag Kings, Lesben, Schwule, Trans & Friends tragen den Zusatz All genders welcome – alle Geschlechter sind willkommen. Hier würde unsere heterosexuelle Sympathisantin bestimmt wieder Spaß haben. Und der lateinamerikanische Dekonstruktivist hätte neues Futter. Und wenn die Ausnahme Normalität ist, dann sind wir der Utopie der Geschlechtergerechtigkeit ein ganzes Stück näher gerückt.
An dieser Stelle noch ein dickes Dankeschön an Marlis Gensler und Klaus Jetz, die maßgeblich zum Gelingen dieser Ausgabe beigetragen haben.
In dieser ila-Ausgabe zeigen wir Teile einer Fotoserie
des italienischen Fotografen Vittorio d'Onofri. Vier Jahre lang hat er sechs muxe' in Juchitán, Mexiko, in ihrem Alltagsleben begleitet. In den letzten Jahren stellte er seine Fotografien in Einzel- und Gruppenausstellungen in San Francisco und mehreren Städten Mexikos aus
und wurde dafür 2001 mit dem Sonderpreis auf der Fotobiennale in Mexiko-Stadt ausgezeichnet.
Inhalt
LGBT
in Lateinamerika
4 Vom Rebell zum Gesprächspartner
Die Eroberung der sexuellen Vielfalt in Lateinamerika / von Gloria Careaga
6 Inseln des queeren Paradieses
Gender Crossing und dritte Geschlechter in Lateinamerika / von Elisabeth
Tuider
9 Glossar
10 Kybernetische Königinnen
Drag queens in Rio de Janeiro / von Carsten Balzer
12 Die Transzendenz der Travestie-Frage
Eine Kritik an Judith Butlers Performativitätstheorie / von Yuderkys
Espinosa-Miñoso
15 Frei wie der Wind
Jenseits der Zweigeschlechtlichkeit: die muxe' in Juchitán, Oaxaca / von
Uwe Bennholdt-Thomsen
19 Wir werden immer Teil der Gesellschaft sein
Geschlechtervielfalt für die Verfassunggebende Versammlung in Bolivien
20 He, ist dir nicht klar, dass du eine Frau bist?
Von Männlichkeiten, Weiblichkeiten und ihren Definitionen / von Fabiana
Tron
22 Vorzeigeschwule sind modern
Interview mit dem Vizepräsidenten von Amnesty International Chile / von
Anna Schwachula
24 Nirgends fand ich Informationen über meine Situation
María Isabella, eine transsexuelle Lesbe aus Chile / von R. G.
25 Ist eine Frau ohne Eierstöcke
keine richtige Frau?
Gespräch mit Carla Antonelli
26 Aus Sicherheitsgründen keine Mitgliederdatei
Interview mit Gareth vom Jamaican Forum for Lesbians, All-sexuals and Gays
– J-Flag / von Klaus Jetz
28 Ein Geschlecht haben wir alle
Interview mit Mariela Castro Espín, Direktorin von CENESEX, Cuba / von
Britt Weyde
30 Auch wenn wir heute besser dastehen als vor 20 Jahren ...
Interview mit Abelardo Araya von Movimiento Diversidad, Costa Rica / von
Klaus Jetz
32 Unheilige Allianz zwischen FSLN und Katholischer Kirche
/ von Klaus Jetz
33 Homosexualität als revolutionäre Verpflichtung
Der Che Guevara der chilenischen Schwulenbewegung / von Nina Küster
34 Dein Strandtuch macht mich schwindlig
Queerpunkcumbia made in Argentina / von Britt Weyde
36 Träume aus Plüsch
Ein Roman von Pedro Lemebel / von Nina Küster
37 Zum Weitergucken und Lesen
Berichte & Hintergründe
38 Ein sinnloses Desaster
Erinnerungen eines argentinischen Wehrpflichtigen an den Malvinen-/Falklandkrieg,
25 Jahre danach
/ von Roberto Frankenthal
41 Unter Tage
Besuch in den Zinnminen von Potosí/Bolivien / von Susanne Brehm
43 Vergesst die Nebenkriegsschauplätze
Interview mit Rafo Puente, Ex-Vize-Innenminister Boliviens / von Gaby Küppers
46 Phase zwei gegen das System
Mexiko: Außerparlamentarische Linke organisiert landesweite und
internationale Vernetzung / von Luz Kerkeling
47 Sind Marcos und Chávez wirklich so unterschiedlich?
Diskussionsbeitrag aus Argentinien / von José Steinsleger
Ländernachrichten/Poonal
48 Chile, Nicaragua, Costa Rica, Kolumbien, Peru, Mexiko, Guatemala,
Brasilien, Ecuador, Argentinien
Solidaritätsbewegung
52 Der Weg zum Sozialismus kann nicht gerade sein
Konferenz über den Sozialismus im 21. Jahrhundert zu Ehren von Ernesto
Kroch in Montevideo
/ von Stefan Thimmel
53 Die Spektren stimmen sich ab
Proteste und Akteure der Gipfelproteste in Heiligendamm / von Werner Rätz
55 Kämpferisch bis zum Schluss
Abschied von Olga Cedeño / von Hans-Ulrich Dillmann
55 Unermüdlich für den Frieden
Abschied von Andreas Schillo / von Ulrich Mercker
56 Die Hoffnungsträger
Zwei Biographien und eine Streitschrift zu Bolivien und Venezuela / von
Gert Eisenbürger
59 Notizen aus der Bewegung, Impressum
Titelfoto: Vittorio d'Onofri
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