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Wer
kontolliert
die Medien?
Editorial
ila
308
September 2007
„Enteignet Springer“ war eine der Forderungen des demokratischen Aufbruchs im Jahr 1968. Das Presse-Imperium des Axel Cäsar Springer galt der bundesdeutschen außerparlamentarischen Opposition als Gefahr für die Demokratie. Ähnlich wie der Hugenberg-Konzern in den zwanziger Jahren. Dessen Medien hatten einen beträchtlichen Anteil an der Zerstörung der Weimarer Republik und am Aufstieg des Nationalsozialismus.
Im Vergleich zu der Medienmacht, über die heutzutage die Familie Marinho (O Globo) in Brasilien oder die Cisneros in Venezuela verfügen, nahm sich das Springer-Imperium in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik regelrecht bescheiden aus. Letzteres beherrschte zwar den Pressemarkt, nicht aber die elektronischen Medien.
Die erste Frage ist: „Wer kontrolliert die Medien heute?“ Es sind ganz wenige Unternehmensgruppen, die mit ihren Medien Geld verdienen und die politischen Entscheidungen gemäß ihren Interessen beeinflussen wollen. Konzerne wie O Globo in Brasilien oder Televisa in
Mexiko verfügen in ihren Herkunftsländern
über eine marktbeherrschende Stellung. Längst konzentrieren sich ihre Aktivitäten aber auch auf andere lateinamerikanische Länder und sogar auf die USA: Televisa kontrolliert in den Vereinigten Staaten wichtige spanischsprachige Radio- und TV-Kanäle, die Cisneros-Gruppe gehört über ihre Mehrheitsbeteiligung an AOL zu den Eigentümern des US-Nachrichtenkanals CNN.
Daraus ergibt sich die zweite Frage, nämlich: „Was bedeutet die geballte Medienkonzentration für demokratische Entscheidungsprozesse?“ Die politische Macht der genannten lateinamerikanischen Medienmogule wird häufig mit der des früheren italienischen Ministerpräsidenten
Silvio Berlusconi verglichen. Der hatte mittels seiner Fernsehkanäle, Radiostationen und Printmedien den eigenen politischen Aufstieg organisiert. Gleichzeitig setzte er seine Medienmacht ein, um Gerichtsentscheidungen zu beeinflussen und sich und seine Unternehmen faktisch außerhalb der Justiz zu stellen.
Es heißt, in Brasilien könne niemand gegen O Globo regieren. Das scheint auch Präsident Lula da Silva so zu sehen. Er versucht jeden Konflikt mit dem Medienkonzern zu vermeiden. Der Fernsehgigant Televisa hat 2006 in Mexiko seine ganze publizistische Macht eingesetzt, um einen Wahlsieg der moderaten Linkspartei PRD und ihres Präsidentschaftskandidaten Andrés Manuel López Obrador zu verhindern. Und Venezuelas mächtige private Fernsehkanäle begnügten sich nicht nur mit Hetze gegen Präsident Chávez, sondern beteiligten sich aktiv an der Vorbereitung und Durchführung des Putschs gegen die verfassungsmäßige Regierung im Jahr 2002.
Das führt uns schließlich zur dritten Frage: „Was können die linken emanzipatorischen Kräfte und die
sozialen Bewegungen tun, um die Medienmacht der Konzerne zu brechen?“
Der Vorschlag der bundesdeutschen 68er wurde eingangs schon zitiert. Dem folgte in gewisser Weise Hugo Chávez, als er im Juni dem am Putsch beteiligten Fernsehsender RCTV nach Auslaufen der entsprechenden Verträge die terrestrischen Frequenzen entzog und sie einem öffentlichen Kanal zuwies. RCTV sendet inzwischen über Kabel und Satellit; dennoch war in den westlichen Medien das Geschrei groß: Die Regierung Chávez schließe Fernsehsender, die Pressefreiheit in Venezuela sei in Gefahr.
Alle, die für Lateinamerika ein Fernsehen wollen, das mehr bringt als Telenovelas, Spielshows, Sensationsberichterstattung und Unternehmerpropaganda, werden über kurz oder lang in Konflikt mit den privaten Medienmoguln geraten. Da die terrestrischen Frequenzen begrenzt und längst alle vergeben sind, wird es besseres Fernsehen in Lateinamerika nur geben können, wenn weitere Frequenzen von Kommerzkanälen an öffentliche Sender übergehen. Gemeint sind nicht staatliche Kanäle, sondern öffentlich-partizipative, wobei letztere in Lateinamerika noch ein Schattendasein fristen.
Wir haben in dieser ila Beiträge versammelt, die die Medienlandschaft in Lateinamerika darstellen und untersuchen, wie die mediale Konzentration demokratische Prozesse auf dem Subkontinent beeinflusst. Natürlich fragen wir auch nach Alternativen, obwohl sie vor allem im kapitalintensiven Fernsehgeschäft rar gesät sind. Aber mit dem Nachrichtenkanal Telesur gibt es erstmals den Versuch, in Lateinamerika einen überregionalen TV-Sender zu schaffen, der in echte Konkurrenz zu privaten Kanälen, konkret zu CNN tritt. Aber bis zu den anderen Medien des Herrn Keuner ist es noch ein weiter Weg.
Inhalt
Wer kontrolliert die Medien?
4 Der Kampf um die Deutungshoheit
Die Demokratisierung der Medien in Lateinamerika als Bestandteil politischer Transformation
/ von Andreas Hetzer
7 Kollaps der Freiheit
Panamericana oder RCTV?
/ von Raúl Zibechi
9 Lizenz zum Gelddrucken
Einflussreiche Familien kontrollieren die Informations- und Unterhaltungsbranche
/ von Diego Olivera
10 ¡No vea televisión – hágala!
Basismedien in Venezuela am Beispiel des Community-Fernsehsenders CatiaTVe
/ von Hanno Willkomm
12 Eine Menschenrechtsorganisation?
„Reporter ohne Grenzen“ und ihre US-Financiers
/ von Elke Groß und Ekkehard Sieker
15 Wenn Konzerne Gesetze machen
Mexikanische Medienlandschaft im Würgegriff von Televisa und TV Azteca
/ von Gerold Schmidt
18 Globo über alles
Medien in Brasilien
/ von Lea Koch
20 Medien als Präsidentenmacher
Die costaricanischen Medienzaren als Wegbahner des Neoliberalismus
/ von Torge Löding
22 Soziale Realität mit Dreifachfilter
Medienmacht in El Salvador – Interview mit Mauricio Funes / von Anne Hild
25 Vielstimmige Eintönigkeit
Überblick über die bolivianische Medienlandschaft
/ von Waldo Acebey
26 Systematischer Medienkrieg
Interview mit Gastón Núñez, Kommunikationsbeauftragter der bolivianischen Regierung
/ von Peter Strack und Andreas Hetzer
28 Mediengigant aus Gütersloh
Der Bertelsmann-Konzern in Lateinamerika
/ von Wiebke Priehn
30 Die Gedanken sind frei
Interview mit der kolumbianischen Journalistin Constanza Vieira
/ von Bettina Reis
33 Trauma von Journalisten? – Kein Thema
Interview mit der kolumbianischen Psychologin Marta Chinchilla
/ von Bettina Reis
34 Schweig oder stirb
Mexiko bei Journalistenmorden an erster Stelle
/ von Gerold Schmidt
35 Alternative Telesur
Der lateinamerikanische Nachrichtenkanal entwickelt sich zum Gegengift gegen die privaten Medienkonzerne
/ von Gerhard Dilger
36 Der andere Blickwinkel
Telesur hilft, Lateinamerika „von unten“ zu sehen
/ von Myriam Amparo Espinosa und Luis Escobar
37 Telesur muss seine Unabhängigkeit wahren
/ von Claudia Florentin
Berichte & Hintergründe
38 Zapatismus ist Gesetz in Chiapas
Beobachtungen zum „2. Intergalaktischen Treffen der Zapatisten mit den Völkern dieser Welt”
/ von Anne Hild
41 Glaubt der mexikanischen Regierung nicht!
Interview mit Judith Galarza, diesjährige Trägerin des Theodor-Haecker-Preises der Stadt Esslingen
/ von Gaby Küppers
43 Betriebe in ArbeiterInnenhand!?
Venezuela: Statt Selbstverwaltung nur Mitbestimmung
/ von Lukas Neißl
46 Regierung bremst Gewerkschaft aus
Der Kampf um Sanitarios Maracay in Venezuela
/ von Lukas Neißl
47 Grenzüberschreitungen
Chilavert, Buenos Aires: Große Pläne in der kleinen Druckerei / von Alix Arnold
49 Wir müssen den Kampf auf die Straße tragen
Interview mit Angel Ibarra, Präsident des salvadorianischen Umweltdachverbandes UNES
/ von Angelika Haas
Ländernachrichten/Poonal
52 Ecuador, Argentinien, Chile, Mexiko, USA, Paraguay, Panama, Jamaika
Kulturszene
56 Puntos de Vista
Lateinamerikanische Kunst in Bochum
/ von Felix Koltermann
58 13 aus 113
Lateinamerikanische KünstlerInnen auf der documenta XII
/ von Laura Held
60 Die flotte Großmutter kocht nach eigenem Rezept
Interview mit der uruguayischen Band Abuela Coca
/ von Andrea Hetzer
62 Notizen aus der Bewegung
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