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ila Nr. 241 Rassismus in LateinamerikaRassismus
in Lateinamerika
241 /Dezember 00

Editorial

Ausländerfeindlichkeit ist nicht mehr „anständig". Ist sie das vielleicht deshalb nicht mehr, weil sich so ein Phänomen kritisieren lässt, ohne es zu treffen? Wer wäre denn schon „ausländerfeindlich"? EineR, der/die etwas gegen Österreicher hat oder gegen Luxemburgerinnen? Und wäre entlastet, wer Kinder im Irak geborener Deutscher totschlägt oder schwarze Deutsche als Affen beschimpft? Wir reden also von Rassismus. Selbstverständlich unterstellt dieser Begriff nicht die Existenz von Menschenrassen, sondern meint die Diskriminierung von Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, Sprache, Religion oder anderer äußerer Merkmale.

Auch LateinamerikanerInnen sind in Deutschland von Rassismus betroffen. Es ist deshalb keine Entlastung der Zustände in der eigenen Gesellschaft – gerade in Zeiten, wo die Patrioten (der Kabarettist Volker Pispers bezeichnet das als Verbindung von Patria und Idioten) von deutscher Leitkultur faseln – wenn wir uns in dieser ila mit dem Rassismus in Lateinamerika beschäftigen. Wir thematisieren, diskutieren und bekämpfen seit über zwei Jahrzehnten den Rassismus in der BRD. Aber er existiert offensichtlich überall, auch wenn er in unterschiedlichen Fratzen daherkommt.

Um mehr über Entstehungsweise, Grundlagen und Ausdrucksformen von Rassismus zu erfahren, ist es nützlich, auch mal nach außen zu schauen. Rassismus hat viele Gesichter. Er kann offen-diskriminierend „Indio" als Schimpfwort benutzen; er kann aber auch die Musik und die Tänze der AfrobrasilianerInnen als nationales Kulturgut usurpieren und schwarze Fußballballer feiern und dabei die Mehrheit der Schwarzen dennoch auf der untersten Stufe der sozialen Pyramide in bitterster Armut und Verachtung belassen. Rassismus gegen indigene und schwarze Menschen hat eine Tradition bis in die Zeit der Conquista und des Sklavenhandels. Neue Formen des Rassismus richten sich nicht gegen InländerInnen anderer Hautfarbe, sondern tatsächlich gegen „AusländerInnen". Dabei vermischen sich Vorbehalte gegen mögliche KonkurrentInnen mit tief verwurzelten rassistischen Feindbildern.

Rassismus ist vielschichtig und natürlich auch ein Herrschaftsphänomen. Besser, die Beherrschten gehen sich gegenseitig an die Gurgeln, als die ganze Herrschaft in Frage zu stellen und zu bekämpfen. Aber Rassismus erklärt sich immer auch aus dem Bedürfnis von Gruppen und Individuen, soziale Unterschiede zu legitimieren oder sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Wenn es dann – besonders in Zeiten von Krisen und Verunsicherung – jemanden gibt, auf den man ungestraft oder gar „von oben" ermuntert draufschlagen kann, gibt es genügend Frauen und noch viel mehr Männer, die das gerne tun. Das schafft Frust vom Hals und vermittelt ein Gefühl von Macht über andere. Im kleinen wie im großen Rahmen ist Rassismus offen oder versteckt (Leitkultur) Ausdruck von Gewalt und Gewaltanspruch anderen gegenüber.

Weiße EuropäerInnen oder ihre Nachfahren sind auch in der „neuen Welt" eher Täter als Opfer (es sei denn, sie sind jüdischen Glaubens). Aber auch Schwarze oder Indígenas können RassistInnen sein. Auch bei diskriminierten Gruppen ist Identitätspolitik, die sich auf das Gemeinsame beruft, Ausschluss der Anderen. Selbst auf Grund ihres „Andersseins" diskriminiert, richten sie sich nicht nur gegen die unterdrückerische weiße, sondern gegen andere Welten als solche. Dabei sind selbstverständlich auch ethnische Minderheiten nicht homogen, haben sie Widersprüche und Interessengegensätze – zwischen Armen und Reichen, zwischen Frauen und Männern, zwischen Jugendlichen und Alten, die auf die Tradition und damit auch ihre tradierten Herrschaftsansprüche bestehen.

Viele Fragen, die in dieser ila natürlich längst nicht alle diskutiert und erst recht nicht beantwortet werden. Vielmehr werfen wir einige Schlaglichter auf das Thema und hoffen, zu einer allenthalben notwendigen Diskussion beizutragen. Damit nicht noch mehr Menschen Opfer primitiver Killer werden!

 P.S. Dieser ila liegt wie schon im November noch einmal der „Bettelbrief" an unsere LeserInnen bei. Bis zum 29. November sind 2590,- DM an Spenden für die ila eingegangen. Den SpenderInnen vielen Dank. Allen, die noch nicht dazu kamen, ihre Überweisung fertig zu machen, sei gesagt, es ist nie zu spät. Das gilt auch für das ila-Geschenkabo, mit dem man sich selbst und anderen eine Freude machen kann. Jetzt aber genug der Appelle. Wir gehen jetzt in unsere Winterpause und melden uns wie üblich Mitte Februar zurück.

Titelbild unter Verwendung eines Fotos Herby Sachs/version

Inhalt

04 Der Mythos der »Rassendemokratie«
Schwarze in Brasilien
von Nilma Bentes

Brasilien präsentiert sich in der Welt gerne als Rassendemokratie, in der Menschen verschiedener Hautfarben friedlich und gleichberechtigt zusammenleben. Die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft präsentiert sich bei jeder WM als Botschafterin dieser Idee. Doch die schwarzen Fußballmillionäre, um die sich Clubs in der ganzen Welt reißen, sind nur eine kleine Minderheit unter Brasiliens Schwarzen. Die große Mehrheit lebt nach wie vor am Ende der sozialen Hierarchie. Auch rassistische Diskriminierung ist alltäglich, wenn auch nicht so auffällig wie anderswo. Deshalb zeichnen AktivistInnen der Schwarzenbewegung, wie unsere Autorin Nilma Bentes, ein ganz anderes Bild der Rassendemokratie, als es das offizielle Brasilien tut.

07 Von negis und weissis
Beobachtungen zum Rassismus in Brasilien
von Zé do Rock

Bei den Redaktionsdiskussionen zu diesem Schwerpunkt kam uns irgendwann die Idee, dass es neben den ganzen seriösen Beiträgen und Interviews auch einen Text geben sollte, der sich dem Thema humorvoll nähert und mit einer eigene Logik die Banalität des überall präsenten Rassismus ins Lächerliche zieht. Die Frage, wen wir für einen solchen Beitrag ansprechen sollten, brauchten wir nicht lange zu diskutieren. Dafür ist der in München lebende brasilianischen Schriftsteller Zé do Rock geradezu prädestiniert. Dazu besitzt er noch die Autorität eines authentischen Vertreter des Südens, schließlich stammt er aus Südbrasilien und lebt in Süddeutschland. Natürlich gibt er den LeserInnen neben seinen Einsichten und Beobachtungen auch etwas Unterricht in dem von ihm erfundenen Wunschdeutsch, das über kurz oder lang das jetzt noch überwiegende benutzte Schwerdeutsch ablösen wird.

09 Lokalverbote und rassistische Botschaften
Interview mit Lágrima Ríos, Präsidentin von „Mundo Afro", Montevideo
von Britt Weyde

„Ein urugayischer Schwarzer mag Peñarol (eines der beiden großen Fußballteams Montevideos), trommelt gerne, wählt die Colorado-Partei, trinkt viel Wein und ist arbeitsscheu." Das sind einige der Stereotypen, die es immer noch in einer Gesellschaft gibt, die es weit von sich weisen würde, rassistisch zu sein. Über Rassismus wird in Uruguay nicht gesprochen und er äußert sich meist unterschwellig. Weniger subtil war ein Vorfall im Juli dieses Jahres, der vor kurzem in einem Leserbrief an die Tageszeitung „La República" veröffentlicht wurde: In einer bekannten Fernseh-Quizshow für Schulklassen gewann ein schwarzer Schüler den Hauptpreis. Die Produktionsgesellschaft des Fernsehkanals „Canal 12" verweigerte ihm den Preis und begründete es damit, dass schwarze SchülerInnen am Quiz nicht teilnehmen dürften. Seit über 150 Jahren ist die Sklaverei in Uruguay abgeschafft, doch von Chancengleichheit kann immer noch keine Rede sein. ila-Mitarbeiterin Britt Weyde sprach mit einer bekannten Persönlichkeit des kulturellen Lebens Montevideos, der Tango- und Candombe-Sängerin Lágrima Ríos, über ihre Einschätzungen als Afro-Uruguayerin zu diskriminierenden Strukturen. Sie selbst, heute 76 Jahre alt, hat am eigenen Leib Rassismus erfahren, so z.B. als sie 1956 ein Orchester verlassen musste, da dem Leiter bedeutet wurde, dass er mit einer schwarzen Sängerin bald keine Auftrittsangebote mehr bekommen würde.

12 Illegalität als Dauerlösung
HaitianerInnen in der Dominikanischen Republik
von Claudia Thallmayer

Die katastrophale wirtschaftliche Lage in Haiti veranlasst viele Menschen zur Auswanderung in die benachbarte Dominikanische Republik. Doch die Bedingungen, unter denen die haitianischen MigrantInnen leben, sind äußerst prekär. Obwohl auch ein Großteil der DomikanerInnen dunkler Hautfarbe ist, ist der Rassismus gegen AfroamerikanerInnen kaum irgendwo in Lateinamerika und der Karibik so ausgeprägt wie in der Dominikanischen Republik. Hauptzielscheibe waren und sind die ZuwandererInnen aus Haiti. Solange sie als ArbeiterInnen in der Zuckerrohrernte gebraucht werden, werden sie geduldet, doch wenn es keine Arbeit gibt oder sie politische Forderungen stellen, beginnt die Jagd. In den dreißiger Jahren wurden Zehntausende HaitianerInnen in der Dom. Rep. ermordert, heute schwebt über ihren Nachkommen ständig das Damoklesschwert der Deportation.

15 Indianisierung oder Bürgerkrieg?
Interview mit der Soziologin Silvia Rivera, Bolivien
von Britt Weyde

Bolivien gilt zusammen mit Guatemala als das indianischste Land Lateinamerikas. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung sind Indígenas, die sozioökonomisch stark benachteiligt sind. 70 Prozent sind arm. Auf dem Land, wo die Indígenas fast unter sich sind, erreicht die Armutsquote sogar 90 %. Die Gleichsetzung „indigente" (arm, bedürftig) mit „indígena" liegt also nahe. Aber auch die politischen Strukturen in einem Land, in dem die Indígenas erst seit der Revolution von 1952 das Wahlrecht bekommen haben, werden von den weißen bzw. mestizischen, westlich orientierten Eliten bestimmt. Während der Unruhen im September und Oktober brachte der „Mallku" Felipe Quispe, einer der Indígena-Führer und Vorsitzender der CSUTCB (LandarbeiterInnen-Gewerkschaftsverband), die Formel von den „Zwei Bolivien" in die Diskussion: Auf der einen Seite das formaldemokratische Bolivien der Eliten, die sklavisch die westlichen Entwicklungs- und Finanzprogramme von IWF, Weltbank etc. erfüllen, auf der anderen Seite das „wahre" Bolivien der verarmten und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossenen Bevölkerungsmehrheit, die zugleich überwiegend indigen ist. ila-Redakteurin Britt Weyde sprach mit einer Mestizin, die zugleich „Indigenistin" ist, über die rassistischen Grundlagen des zutiefst gespaltenen Bolivien. Silvia Rivera ist Soziologin, Autorin, Filmemacherin und glühende Verteidigerin des traditionellen Koka-Konsums.

18 Ein rassistischer Tatbestand
Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung in Mexico
von Eva Youkhana
Mexico ist ein Vielvölkerstaat. Laut Schätzungen mexicanischer Anthropologen gibt es neben der mexicanischen Mehrheitsbevölkerung, den Mestizen, 56 indigene Ethnien (offizielle Angaben) und mindestens so viele altmexicanische Sprachen. Die Mexicaner sind sehr stolz auf ihr indigenes Erbe. Es gibt kaum ein mexicanisches Nationalfest, in dem nicht die Heldentaten der letzten vorkolonialen Aztekenherrscher Cuauthémoc oder Moctezuma angepriesen werden. Städte, Straßen und Plätze werden nach ihnen und anderen indigenen Glanzfiguren benannt. Kein Tourist, der nicht früher oder später von „Moctezumas Rache" (sehr unangenehme Durchfallerkrankung – die Red.) heimgesucht wird. Denn Mexicos Geschichte blickt auf drei kulturelle Traditionen zurück, die präkolumbianische, die koloniale und die moderne Tradition, die in der mestizaje, der Verschmelzung von ursprünglich indigenen und europäischen Bevölkerungsgruppen, ihren Ausdruck bei etwa 80 Prozent der MexicanerInnen findet. Damit blicken die MexicanerInnen sowohl auf eine Vergangenheit als Unterworfene als auch Unterwerfer zurück. Trotz dieser historisch außergewöhnlichen Verbindung ist die Entwicklung der knapp 10 Prozent der Gesamtbevölkerung zählenden indigenen Minderheit bis heute von Diskriminierung geprägt.

20 Tu was für ’s Vaterland – töte einen Bolivianer!
Chauvinismus und Diskriminierung in Argentinien
von Natalia Aruguete, Violeta Burkart und Walter Isáia

Tu was fürs Vaterland – töte einen Bolivianer – Anfang letzten Jahres tauchten solche und ähnliche Graffitis an den Wänden Buenos Aires’ auf. Das Land stürzte nach der Abwertung des brasilianischen Real in eine tiefe Wirtschaftskrise und die Sündenböcke waren schnell gefunden: Die ImmigrantInnen, hauptsächlich BolivianerInnen und PeruanerInnen, aber auch ArbeitsmigrantInnen aus der Dominikanischen Republik würden die Arbeitsplätze wegnehmen und zum Anwachsen der Kriminalität beitragen. Große Tageszeitungen verkündeten die „dunkle Invasion" und der damalige Direktor der Migrationsbehörde, Hugo Franco, war sich sicher, dass mehr als 60 Prozent der Verbrechen von illegalen EinwanderInnen verübt würden. Auch unter der neuen Regierung ist das Leben der ImmigrantInnen nicht sicherer geworden, wie Vorfälle der letzten Zeit belegen. Argentinien scheint sich nicht nur kulturell an Europa zu orientieren, sondern auch in Bezug auf den in den letzten Jahren erstarkten Abwehrkampf gegen alles „Fremde".

 

Berichte & Hintergründe

23 Neue Hoffnung für São Paulo?
Großer Erfolg der Arbeiterpartei PT bei Kommunalwahlen
von Gerhard Dilger

25 Ist der Plan Colombia tot?
Europäische Regierungen wollen US-Krieg nicht finanzieren
von Adam Isacson, Abbey Steele und Ingrid Vaicius

27 Neoliberalismus konkret
Vertreter einer Basis-Gesundheitsorganisation aus El Salvador berichten
von Tom Beier

28 Die beschwerliche Suche nach dem Paradies
Die Religionsgemeinschaft der peruanischen Israeliten
von Hildegard Willer

30 Matter Glanz
Goldproduktion in Nordperu
von Carsten Hildebrand

 

Ländernachrichten/Poonal

33 Peru, Kolumbien, Paraguay, Brasilien, Ecuador, Italien/Argentinien, Uruguay

 

Eine Welt Wirtschaft

36 Unbezahlbar oder unrechtmäßig?
Unterschiedliche Forderungen von Kampagnen
gegen Schulden und Armut

von Gerhard Klas

39 Von Chile lernen?
Internationalistische Überlegungen zu Riesters Rentenreform
von Werner Rätz

 

Kulturszene

42 Von Marx zu Engels
Interview mit der kolumbianischen Autorin Laura Restrepo
von Frank Braßel

45 So fern? So nah!
Drei Dichterinnen vom Rio de la Plata
von Ruth Schlette

47 Die Jahre mit Laura Díaz
Carlos Fuentes‘ literarische Bilanz des „schrecklichen 20. Jahrhunderts"
von Theo Bruns

 

Solidaritätsbewegung

48 Prozesse kritischer Öffentlichkeitsproduktion
Anmerkungen zu zivilgesellschaftlichen Strategien nach der IWF- und Weltbanktagung in Prag
von Klaus Jetz

49 Die Abenteuer einer Katze
Notizen einer Projektion in Nachkriegszeiten. Ein Film von Thomas Walter und Uli Stelzner

50 Notizen aus der Bewegung

51 Zeitschriftenschau, Impressum

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